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Mit den Freibeutern in fremden Gewässern… Was ist ein Karneval?


Seit dem Mukke-Rockt-Event mit Lübecks Freibeutermukke ist einige Zeit ins Land gestrichen. Wir haben zwischenzeitlich erfahren, was es mit Weihnachten und Silvester auf sich hatte und besuchten die Frau Holle, mit ihrem Konsul. Doch dieses Wort ‚Karneval‘, welches wir gehört hatten, begleitete uns in diesen Monaten ständig. Wir befragten Herrn Google, doch was wir dort gelesen hatten, bestärkte uns nur in unserem Vorhaben, dieses Karneval genauer zu erkunden. Gleich am Anfang - wir können euch sagen, dieses Karneval ist etwas ganz Verrücktes! Lest nun selbst, wie es kleinen Piraten in der Fremde erging. Es sollte ein schönes Wochenende werden, hatten uns die Freibeuter versprochen…


Spät abends, es war schon lange dunkel und Schlafenszeit, fuhren wir mit dem Auto nach Lübeck. Zur Abwechslung standen wir in Hamburg einmal nicht im Stau und bald konnten wir unsere Piratenfreunde wieder in die Arme schließen.
mfw15_069578mfw15_069588Der Bus, ein schöner, großer, weißer, frisch geputzt, stand bereit und Stefan, unser Fahrer war bestimmt auch so aufgeregt, wie wir drei. Wir hatten ihn nicht danach gefragt, aber es war ihm auf die Stirn geschrieben. Er dachte bestimmt darüber nach, was ihn alles erwartet oder vielleicht wusste er es schon?
Alle Freibeuter im Bus waren gut gelaunt, machten ihre Späße, erzählten Witze und sangen sogar, nur schlafen wollten sie nicht. Der Bus fuhr und fuhr, viele Stunden. So verging die Nacht.

mfw15_069580Als es hell wurde, erreichten wir unser Ziel - das Hotel Schwerthof in Solingen. Was ein Hotel ist, haben wir euch ja schon erzählt. mfw15_069585Jedenfalls hatte Petra, die Chefin, und ihre Mannschaft schon Frühstück bereitet. Kaffee und Saft, Brötchen, Butter, Wurst, Käse und Marmelade warteten auf uns. Alle waren zufrieden.
Viel Zeit war nach dem Frühstück nicht, denn wir wollten die erste Stadt erobern.
Die Mädels und Jungs der Truppe verschwanden plötzlich wie auf Kommando und unsere Mitbewohnerin zeigte uns ihre Überraschung. Ganz heimlich hatte sie zu Hause neue, schicke Piratenhosen genäht - jaaa, natürlich auch ein Röckchen und Halstücher mit Silber glänzendem Rand. mfw15_071324Hase sprang vor Freude Purzelbäume und bei uns beiden Igeln klatschten die Stacheln Beifall. Sofort zogen wir die Sachen an. „Sind die schön geworden! Daaanke!“ riefen wir drei gleichzeitig und unsere Mitbewohnerin war glücklich über unsere Begeisterung.
Als die Freibeuter zurückkamen, waren sie ebenfalls schick angezogen. Sie trugen ihre Piratensachen und hatten Kaperbemalung angelegt – Schiffe, Sterne, Notenschlüssel prangten auf ihren Gesichtern. Ach wie toll! „Dieses Bemalen müssen wir uns unbedingt noch anschauen.“, sagte meine Frau auf dem Weg zum Bus, den wir ratzfatz enterten. Als alle an Bord waren, nahm Stefan direkt Kurs auf Radevormwald. Zielsicher navigierte, also steuerte er unser Piratenschiff auf Rädern bergauf, bergab und durch die Schluchten im Bergischen Land. Auf einem Platz an der Wiesenstraße gingen wir vor Anker. Während die Seeräuber ihre Kaperinstrumente ausluden, schauten wir uns um. Aus allen Richtungen kamen Menschen mit seltsamer Kleidung auf den Platz, große und kleine Wagen, wie wir sie noch nie gesehen hatten, waren dabei. Es bildeten sich Grüppchen. Innerhalb dieser Grüppchen trugen alle dieselbe Kleidung. ‚Sind das fremdländische Uniformen?‘ fragten wir, denn wir konnten uns das nicht erklären.

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Nein, das könnt ihr euch bestimmt nicht vorstellen, was wir alles sahen! Da gab es die Mädels und Jungs, die wie ein Bierfass aussahen, Indianerinnen, Außerirdische, welche mit Schutzanzügen, Zwerge, Giraffen, Löwen, Fliegenpilze und sooo viele andere! Immer mehr dieser Gestalten strömten auf den Flecken und es war ein großes Gewusel. Eine Bande erschien uns besonders groß. „RKG“ stand in großen Lettern auf ihrem Wagen und alle waren  Rot-Weiß gekleidet. Hase fragte nach. ‚Radevormwalder Karnevalsgesellschaft‘ bedeuteten diese Buchstaben.

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Schlagartig waren wir wieder im Thema Karneval, welches wir doch untersuchen wollten. Bevor wir weiter fragen konnten, ertönte ein lauter Pfiff. Es war der Freibeuterpfiff des MuMei und husch – ganz schnell waren alle auf ihren Plätzen. mfw15_069637
Hase sprang bei Sven auf den Arm und mit seinem unschuldigen Lächeln gab er Fabian zu verstehen, dass alles in Ordnung sei. Jeder Blick zwischen ihnen war ein Zeichen; die beiden verstanden sich wirklich gut. Meine Frau erreichte Fussel und erklomm die Drums. Ich lief direkt zu Peter und hängte mich an seinen Träger, über den Templeblocks. Ein Gruppenbild von uns Sechsen musste sein und dann ging es los.mfw15_069665‚Was ging los?‘ fragt ihr euch jetzt bestimmt. Alle Menschen, Tiere und komischen Figuren bildeten Reihen und liefen auf die Straße. Die einen hüpfend, die anderen im Gleichschritt und andere waren bestimmt zu faul zum Laufen, denn sie ließen sich in ihren Fuhrwerken kutschieren.
Viele verkleidete Menschen standen am Straßenrand und jubelten uns zu. Je weiter wir gingen und musizierten, desto mehr wurden es und desto lauter wurde gejubelt. „Heeelau!!“, riefen die getarnten Gestalten - doch wir wußten und das könnt ihr glauben, die Freibeuter konnten noch viel lauter! Gleichzeitig sahen wir, dass bei jedem Rufen der Menschen irgendwelchen kleinen Teile durch die Luft geworfen wurden. Dann erkannten wir es. Es waren Bonsche, wie wir sie hier in unserer Hansestadt Buxtehude nannten. Bedeutete dieses „Heeelau!“ nun etwa „Wir haben Hunger oder doch Hey lauter!“???
Zwischendurch schaute ich zu meiner Frau, die es sich bei Fussel richtig bequem gemacht hatte. Sie zuckte mit den Schultern, als wollte sie sagen, ‚Ich weiß es auch nicht…‘ mfw15_071171Und Hase? – Wo war denn eigentlich unser Langohr? Schnell fanden wir ihn. Sven und er hatten sich zu ein paar hübschen Mädels am Straßenrand gesellt und es wurden Erinnerungsbilder geschossen. Die Beiden waren aber auch Schlawiner, Hauptsache unser MuMei merkte es nicht!

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Die Straßen wurden immer enger und die Freibeuter fanden kaum noch Platz um hindurch zu laufen. Dazu kam, dass die Kinder alle Bonsche von der Straße aufheben wollten und zwischen die Freibeuter liefen. Auch wenn ihr und die jubelnden Menschen am Straßenrand es nicht glauben mögt – es war schon sehr gefährlich für alle Beteiligten.

Warum fragt ihr euch jetzt? Das ist einfach erklärt: ‚Die Musikinstrumente versperren den Spielern die Sicht auf den Weg, die Konzentration auf das Spielen und das Laufen tun ihr übriges. Glaubt ihr nicht? Dann probiert es aus. Bindet euch ein dickes Kissen vor den Bauch, verstreut noch einige Dinge auf dem Fußboden und versucht dann, wie auf einer Pauke zu spielen, ohne zu stolpern oder auf etwas drauf zu treten. Wir lernen daraus? Kommt ein Musikzug – runter von der Straße und genießt die Musik! Die Bonsche können danach noch aufgehoben werden…‘
Aber Freibeuter wären keine Freibeuter, wenn sie sich durch so etwas abschrecken ließen. So ging der Karnevalszug, wie es genannt wurde, weiter und immer weiter bis plötzlich keine Menschen mehr am Straßenrand standen und wir die Ersten im Zug waren. Alle Zwerge, Fässer, Außerirdischen, Fliegenpilze, Indianerinnen, Musikgruppen waren plötzlich verschwunden. Es war wirklich merkwürdig. Erst ein riesen Spaß und dann??? Enttäuscht über dieses schlagartige Ende gingen wir zu unserem Bus zurück und Stefan navigierte unser Freibeuterschiff zurück zum Hotel. Kurze Pause, etwas essen und schon ging die Kaperfahrt weiter. In einem Zelt in Lennep sollten Narren und Jecken gekapert werden. „Wen wollen wir kapern?“, fragte Hase. „Narren und Jacken, hat Fabian gesagt.“, antwortete ich. Hase schüttelte den Kopf: „Was sind Narren und warum sollen wir Jacken kapern? Wir sind doch toll angezogen!“
In Lennep, einem Stadtteil von Remscheid, angekommen, nahm unser Freibeuterrollschiff einen falschen Kurs und so machten wir erst einmal eine spannende, nächtliche Stadtrundfahrt. Wir waren uns sicher, dass dieses Karneval unseren Kompass verstellen konnte und so durchfuhren wir Häuserschlucht um Häuserschlucht, schmale Gassen und breite Straßen. Nachdem wir alles ausgiebig angesehen hatten, hatte sich auch der Kompass erholt und führte uns sicher zum Ziel.
Vor dem Zelt, in welches wir wollten, meinte Hase nur: „Wir kennen sie nicht, sie kennen uns nicht – die Kaperung wird kein Problem!“ Ob er sich täuschen sollte?
volles Festzelt in Lennepmfw15_070164Ein riesiger Applaus und Jubel schlug uns entgegen, als wir alle zusammen spielend das Zelt betraten. So etwas hatten wir noch nicht erlebt. Doch unsere Freunde schienen das schon zu kennen. Fabian sprang auf die Bühne und berichtete, er habe seine Stimme verloren. Bevor wir sie suchen konnten, hatte der MuMei sie schon wieder gefunden und fing an zu berichten: ‚ Zum dritten Mal seien sie nun hier und kommen jedes Mal gern wieder.‘ Da fiel es uns wie Schuppen von den Augen - Lennep war bereits gekapert, die Besucher und die Piraten kannten sich schon. So spielten unsere Freunde aus Lübeck für all die Clowns, Elfen, Tanzmariechen, …und und und …. Alle sangen, wippten und schunkelten mit, standen auf den Bänken und das Zelt wackelte und schaukelte bedrohlich. Die bunten Lichter gaben ihr Bestes um die Stimmung weiter zu steigern. Das war wirklich bezaubernd! mfw15_071339

Der Tag war lang und so richtig hatten wir über das Karneval noch nichts erfahren. Auf der Rückfahrt träumten wir von den Wörtern Heeelau, Narren und Jacken, während die Piraten weiter feierten. Im Hotel angekommen, gingen wir schwuppdiwupp ins Bett und schliefen ganz schnell ein.

Der Morgen des 2. Tages grüßte am Himmel. Ich schaute hinüber zu meiner Frau. Ihre bezaubernden Stacheln bewegten sich sanft hin und her. Hase hatte seine Ohren noch auf den Augen liegen. Erbarmungslos begann der Wecker unserer Mitbewohner seine Melodie zu singen. Mit einem leichten Schlag auf den Kopf war dieser zunächst beruhigt. Die Mitbewohner drehten sich noch einmal um. Hase hatte nichts mitbekommen und der Rhythmus, in dem sich die Stacheln meiner Frau bewegten, hatte sich auch nicht geändert. Ich dachte gerade daran mich auch noch einmal umzudrehen, als der Wecker einen zweiten Anlauf nahm und seine Melodie verstärkt wiederholte.
Unsere Mitbewohner standen auf und schienen ihren Tag, freudig wie immer, zu beginnen. Ich schlich zu meiner Frau und bekam ein guten-morgen-Küsschen. Auch Hase hatte nun mitbekommen, dass es Zeit war dem frischen Tag seine Aufwartung zu machen. Schnell durchs Bad gehuscht, alle Barthaare und Stacheln aufgerichtet, ging es zum Frühstück. Unter uns - nicht nur wir, sondern auch die Freibeuter sahen noch erschöpft aus, doch das Frühstück belebte auch sie sichtbar und hörbar.

 

mfw15_069605mfw15_069622Wie am Vortag waren alle Mädels und Buben plötzlich, wie auf ein Zeichen, verschwunden. Meine Frau bestand darauf, diesem Phänomen auf den Grund zu gehen. Wir folgten ihnen heimlich und wurden Zeugen, wie sie ihre Freibeuterbemalung anlegten - Silber und Gold als Grundierung, Farbe, die aus Schläuchen sprühte, für die Details und dann noch ein Pinsel voll Glamour und Glitzer. Besonders stolz waren unsere Mitbewohner, denn auch sie bekamen ein schickes Bild ins Gesicht. Natürlich hatten uns unsere Freunde bald entdeckt und verrieten uns, dass sie das gern auch bei uns machen würden. Doch wir wollten das lieber nicht. Wir hatten Angst, die nächste Nacht tropfend auf der Badezimmerleine zu hängen…

mfw15_069625mfw15_069631Die Stunden verstrichen. Um alle Freibeuter zu verschönern, brauchten sie jedes Mal viel Zeit vor den Auftritten.
Unvermittelt hallte es „BOARDING!“ durch die Räume und alle enterten sofort den Bus. In einem Industriegebiet von Bonn-Beuel warf Stefan den Anker. Hier waren noch mehr Menschen in Kostümen unterwegs und viel mehr komische, bunte, geschmückte Fuhrwerke standen am Wegesrand. Astronauten, grüne Männchen, bunte Männchen, Luftballons, Mauerblümchen, Bömmelsche, Pustefixe und so, so viele mehr waren gekommen.

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Wie in Radevormwald versammelten sich alle Gestalten in Grüppchen. ‚Um nicht zu spät zu sein, benötigen auch die Freibeuter ein wenig Vorlauf‘, meinte meine Frau noch. Hase hatte das Wort ‚Vorlauf‘ aufgeschnappt und war tatsächlich sofort Richtung Zuganfang gerannt. Sven hatte Hase an diesem Tag wieder in seiner Obhut und wollte auf den Kleinen aufpassen. Dank seiner guten Kondition konnte er ihn schnell einholen, bevor er wieder etwas anstellte. Ein Gutes hatte Hase‘s vor-laufen dennoch - er entdeckte nämlich das Auto mit der Aufschrift „Zugprogramm“. Dort bekam unser Langohr ein Heftchen mit allen Informationen zum Ablauf dieses Festzuges. Gerade noch rechtzeitig kamen beide zurück und konnten den MuMei informieren, an welcher Stelle wir zu laufen hatten. Und schon ging der Umzug los. mfw15_070328
mfw15_070527Als Erstes kamen die Ordnungshüter, die Polizei. Sie hatten ihren silbernen Wagen extra vorbereitet – in schickes blau gekleidet und mit dem passendem Licht fuhr es voran.
Eine Welle guter Laune und Stimmung vor sich herschiebend begannen die Freibeuter ihren Marsch der Glückseligkeit. Wie schon am Vortag jubelten die Menschen, hüpften, klatschten und sangen mit der Musik. Wieder und wieder erschallten die Worte: „Helau – Helau – Helau“ und auch: „Kamelle – Kamelle – Kamelle“. Hase schrie von hinten: „EEYY – das heißt Kamele und nicht Kamelle“. Ratlosigkeit kam in mir auf. Kamele kannte ich, wusste jedoch nicht warum nach ihnen gerufen wurde. Und Kamelle? - ein weiteres Wort auf unserem Plan, welches es zu klären galt.
Wie auch schon am Vortag wurden die Gäste am Wegesrand mit reichlich Süßem versorgt und je lauter sie dieses ‚Helau‘ oder ‚Kamelle‘ riefen, desto mehr Bonschen wurden geworfen. Unser Verdacht erhärtete sich. Diese Worte schienen wirklich zu bedeuten ‚Wir haben Hunger‘.
mfw15_070646Alle Freibeuter und wir rockten durch die Straßen, die man als solche nicht mehr erkennen konnte. Zu viele Menschen waren unterwegs. Die Zeit rannte und auch dieser Umzug ging vorbei. Wieder hatten wir keine Zeit gefunden unsere Fragen zu klären. Es waren nur noch mehr hinzugekommen. Fest stand da schon, so viele gut gelaunte Menschen hatten wir noch nie getroffen.

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Es war sehr, sehr schön, speziell, einzigartig, großartig – etwas Besonderes eben. Hatte das schon etwas mit unserem Begriff Karneval zu tun? Wir wussten es immer noch nicht.
Plötzlich, wie wir es schon kannten, war der Umzug zu Ende und wir sprangen in unser rollendes Kaperschiff. Stefan nahm Kurs auf unser Hotel. Ein gemütlicher Abend war angesagt - unsere Chance viele Fragen los zu werden.
Ich fasse kurz die Begriffe zusammen: Narren, Jecken, Kamelle, Helau und natürlich den Oberbegriff „Karneval“ galt es weiterhin zu klären.
In der abendlichen Runde wurde über alles Mögliche gesprochen. Es wurde gelacht, gesungen, getanzt, denn an diesem Tag hatte eine Freibeuterin Geburtstag. Das musste gefeiert werden.
Dennoch bekamen wir einige Antworten. ‚Narren sind Komiker, die zur Belustigung anderer durch die Lande ziehen – oder – eben auch in heutiger Zeit, Teilnehmer am Karneval. Sie werden auch als Jecken bezeichnet, nicht zu verwechseln mit den Jacken, die wir anziehen können. Die beiden Begriffe werden je nach Region des Karnevals auch gemeinsam genutzt.
‚Kamelle‘ waren ursprünglich Karamellbonbons, die den Besuchern an den Wegrändern zugeworfen wurden. Heutzutage ist alles Süße gemeint, ob Kamelle, Bonsche, Riegel und Schokolade.
Mit dem Ausruf ‚Helau‘ oder in anderen Regionen auch ‚Alaaf‘ grüßen sich die Narren und Jecken. Wir in Buxtehude sagen ‚moin‘, auf Rügen ‚hallo‘, in Bayern ‚Grüß Gott‘ und woanders auch einfach ‚Guten Tag‘. Aber stellt euch mal vor, die Jecken würden ‚Guten Tag‘ sagen - das würde ja komisch klingen‘.
Für uns kleine Buxtehuder Schlingel waren die Informationen von unseren Freuden zu viel auf einmal. Einiges mußten sie uns bestimmt noch einmal erklären, aber wir hörten nur noch unsere Bettchen rufen: „Kommt zu uns! Kommt zu uns! Bei uns findet ihr Ruhe und es ist schön kuschlig und warm!“ Natürlich bekam das unsere Mitbewohnerin mit. Wir wussten, sie schaut dann ganz ernst, wenn es spät wird und wir ins Nestchen müssen. Deswegen schlichen wir uns leise aus der fröhlichen Freibeuter-Runde, um unser Lager aufzusuchen. Es war ein wirklich schöner Tag und ein lustiger Abend. Mit den wunderbarsten Gedanken kuschelten wir uns ein und träumten vom vergangenen Tag…


AspimöhrchenDer Morgen des dritten Tages graute. Als ich wach wurde versorgte meine Frau bereits unseren Hasen mit Aspimöhrchen, die wir vorsorglich von unserer Freundin Miriam aus München bekommen hatten. Er hatte tiefschwarze Augenringe und das war ein untrügliches Zeichen, dass dem armen Hasen der Schlaf fehlte. Wer uns kennengelernt hat, weiß, dass wir uns von einmaligem Schlafmangel nicht abschrecken lassen – also hieß es ‚…frisch und fröhlich auf in den neuen Tag!‘
Nach dem Badbesuch, Frühstück und Schminken enterten wir zur letzten Kaperung wieder den Bus. mfw15_070870Der Kompass zeigte den Kurs auf Rheda-Wiedenbrück. Ob der sich wieder in der ganzen Stadt umsehen wollte? Wir waren gespannt.
Ich schaute mich um. „Hase, lass uns noch mal kurz….“. Mir verschlug es die Worte. Hase und meine Frau waren nicht mehr hinter mir auf ihren Sitzen. Oh nein! Stattdessen tobten sie mit Vanessa und Fussel umher. Zur selben Zeit bekamen unsere Mitbewohner Bilder auf ihre Handys, von den Dingen die dort hinten im Bus geschahen. Die Stimmung war in jedem Fall großartig. …Wir hängen hier einmal den Mantel des Schweigens über dieses Treiben, sonst wäre die Geschichte viel zu lang :-o ……….
mfw15_070861mfw15_070873Conny sah meine kurzzeitige Verwunderung und versorgte mich zum Trösten mit Kamelle und Eileen schenkte mir einen Apfel. Den hob ich mir dann doch für später auf, denn für mich war es erst einmal interessanter zu beobachten, wie Stefan unser rollendes Schiff führte. Und dann - dann durfte ich sogar mit helfen einzuparken! War das großartig! Ich kleiner Igel hinter diesem großen Steuerrad! Seht her!

 

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Irgendwann waren wir in Rheda-Wiedenbrück angekommen und es lief alles wie an den Tagen zuvor. Freibeuterinstrumente auspacken und aufbauen, Tonproben und dann plötzlich ein lauter Schrei von Fabian. „IGEL – Kannst Du bitte unseren Kuddel beruhigen?“ Ich schaute mich um und sah, nein, hörte das Elend. Der kleine Kuddel auf der Standarte rief laut um sich: „Helau – Kamelle – Hunger ….“ mfw15_070885Ich erklomm so schnell es mir möglich war den Flaggenmast und erzählte ihm von unseren Erkenntnissen über dieses Karneval. „Und wir lassen heute wirklich die Sau raus?“ fragte er dann. Ich nickte heftig und flüsterte: „Psssst – nix verraten!!“ Aber ein leises ‚HarrHarrrrrr‘ konnte er sich nicht verkneifen und das sollte bestimmt ‚Ja, ich habe verstanden‘ heißen. ;-)
In diesem Moment ertönte der laute Freibeuterpfiff und alle Mädels und Buben gingen auf ihre Positionen. Die Kaperung begann. Der kleine TunnelAuf dem Weg zum Aufstellungsort liefen wir unter einer Brücke entlang. Alle Instrumente, die Töne von sich gaben, hörten sich zunehmend anders an. Ich bemerkte ein verschmitztes Lächeln in den Piratengesichtern. Der Sound, also die Kraft der Musik, kam voll und ganz zur Geltung und es war für ein paar Momente unbeschreiblich - unbeschreiblich laut und doch unbeschreiblich schön.
In Rheda und Wiedenbrück hatten sich, wie in den anderen Orten, ebenfalls viele Narren und Jecken an den Straßenrändern versammelt. Die Stimmung war gut und wir freuten uns mit den Menschen und grüßten sie ebenfalls mit einem lauten‚ freundlichen ‚Helau‘.
Da! Plötzlich rief der kleine Kuddel, so dass ihn jeder aus der Truppe hörte: „Jetzt?“ mfw15_070886Alle schauten ihn komisch an. So schnell wie mich meine kleinen krummen Beinchen trugen, rannte ich noch nach vorn und erklärte ihm, er solle auf mein Zeichen warten. Ich bemerkte, dass auch Hase ganz zappelig war und auch meine Frau erschien mir irgendwie anders. Was hatte das nur wieder zu bedeuten?
Nun musste ich schnell zurück und gerade noch rechtzeitig war ich bei Peter angekommen, als Fabian rief: „Schatzi geht gleich los!! 1 – 2 – 3…“
Ein lauter Chorschrei flog über die Piraten: „KAMELLE!!!!“ mfw15_070915Der MuMei zuckte zusammen, Fussel schmiss vor Schreck die Sticks weg, die Bläser antworteten mit komischen Tönen und die Xylophone hörten sich kurz wie zerschlagene Gläser an, alles gefolgt von einem riesen Gelächter. Da hatten sich doch meine Frau, Hase und der kleine Kuddel vorher abgesprochen, um ihre Freude einmal richtig raus zu lassen. Das war Klasse, denn auch das gehört zum Karneval. Als sich alle wieder vom Lachen beruhigt hatten, konnte es losgehen. Fabian fing noch einmal an: „Schatzi geht gleich los!! 1 – 2 – 3…“ mfw15_071114Die Freibeuter entfesselten all ihre musikalischen Kräfte, welche die Menschen so verzauberten. Der kleine Kuddel schrie nun als Repräsentant auch fortwährend ‚Helau‘. Hase tat es ihm gleich, ergänzte jedoch mit dem Wort ‚Kamelle‘, mfw15_070919wobei Sven diese, wenn er nicht gerade spielen musste, mit seiner Trompete auffing. Auch meine Frau fing reichlich Kamelle auf den Drums und versorgte Fussel mit allem Nötigen mfw15_070281

Und mein Peter? ‚Er freut sich bestimmt darüber, wenn er nach den Umzügen auch mal was Süßes bekommt‘, dachte ich mir, fing das ein oder andere Naschwerk auf und steckte es ihm heimlich in seine Tasche. Unser Mann an der Standarte hatte jedoch den härtesten Job. Da der kleine Kuddel nur seinen Kopf dabei hatte, konnte er zwar ständig Kamelle kauen, doch er wurde nie satt. Immer wieder schaute er zu Florian nach unten und rief: „Harr HHAARR!“ Schließlich unterstütze auch Fabian bei der Fütterung, soweit er konnte und Kuddel war zwischendurch ruhig. Der Zug ging weiter frohgelaunt seinen Weg durch die Narren und Jecken.


Plötzlich bemerkte ich ein zunehmendes Lächeln in den Gesichtern der Freibeuter. Ein viel größeres Lächeln, als sie ohnehin immer auf den Lippen tragen. Was stand uns nun wieder bevor? Am Straßenrand waren gerade nur wenige Menschen und auch sonst, war nichts, welches dieses Lächeln erklären konnte. Ich schaute nach vorn und sah einen Tunnel. Nicht so einen Kleinen, wie zu Beginn unseres Marsches. Der war schon riiichtig lang. Alle lachten, warfen sich Blicke zu, tuschelten …. Wir kamen ihm immer näher. Kurz vor dem Tunnel wurden die Xylophone lauter, die Anschläge der Drums härter, die Bläser verdoppelten ihr Lungenvolumen und alle verdoppelten ihr Lächeln. Nur Sekunden später wusste ich warum alle so lächelten. Der Sound in dieser Höhle glich einem Gewittergrollen für jeden der mitspielte und zuschaute. Es war laut, sehr laut, es war kraftvoll und dennoch harmonisch. Geübt passten die einzelnen Musiker ihre Lautstärke an, damit es ein Gesamterlebnis für die Beteiligten wurde. Ein wirklich kleines aber feines Privatkonzert – aber - ein viel zu kurzes. Schade, dass ihr es nicht miterleben konntet...

 

An dieser Stelle solltet ihr wissen, dass es in Rheda-Wiedenbrück ein langer spannender Marsch war. Dichtem Treiben folgten eher dünn besuchte Straßen.
mfw15_071325mfw15_071330Mit reichlich Kamelle versorgt, vielen Eindrücken, tollen Gedanken und neuen Freunden erreichten wir unser Kaperschiff und waren froh, Stefan wieder zu sehen. Meine Frau entfernte noch einige Flecken von seinem Panoramafenster und auch die Tränchen von Hase mussten getrocknet werden. Es war Abschiedsstimmung.

 

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Und was ist nun dieses Karneval??? – ‚Einfach gesagt ist es das, was wir erlebt hatten - glückliche, ausgelassene Menschen, die für eine Weile den Alltag hinter sich lassen. In den Figuren, Wagen, Gewändern und Reden können sich die Menschen zu Themen äußern, die sie im Alltag nicht zeigen oder sagen möchten. Im Karneval darf man das und keiner nimmt es dem Anderen übel. Zum Beispiel würden wir auch gern einmal im Stadthaus unserer Hansestadt Buxtehude sitzen und regieren, wie es die Mädels zur Weiberfastnacht symbolisch machen, aber ob das unsere Bürgermeisterin erlauben würde?
Zum Karneval zählen jedoch nicht nur die Umzüge, an denen wir teilgenommen hatten. Der Fasching, wie es einige auch nennen, wird auch als 5. Jahreszeit bezeichnet. Diese beginnt stets am 11. November 11Uhr11 eines Jahres und endet am Aschermittwoch im Februar des darauffolgenden Jahres. Die sogenannte ‚heiße Phase‘ beginnt im Januar mit den Proklamationen, also den Ernennungen der Prinzen. Zu dieser Zeit beginnen dann auch die Karnevalssitzungen und zum Abschluss dieses närrischen Treibens findet dann der Straßenkarneval, die Umzüge, statt. Dieser beginnt mit der Weiberfastnacht am Donnerstag vor Aschermittwoch und endet mit den großen Festzügen, die bis zum folgenden Dienstag, am Tag vor Aschermittwoch stattfinden. Dieser Karneval hat eine sehr lange Tradition. Die Geschichte reicht viel, viel weiter zurück, als unsere Geschichte jemals erzählt wurde.
Ich denke, dieses Karneval kann man gar nicht oft genug erleben. Es war für uns einfach großartig.‘

Nur mit dem kleinen Kuddel werde ich noch einmal sprechen müssen. Nicht, das Hase noch  so frech wird wie er…

 

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